Kapitel V - Der Vorabend des Tagulrog


Am Morgen holte mich Fariya in meinem Turm ab und wir machten uns auf den Weg zu Mol` Trak, dem Zauberdistrikt Neburias. Hier hinter meterhohen Mauern wird die große Kunst der traditionellen Zaubermeister, die man hier ehrenvoll T´aar nennt, gelehrt. Der Zaubermeister von Neburia ist Bratuul, der solange Vengron auf Reisen ist, den Rang des T´aar innehält. Wir gingen durch die großen Eingangstore in den Innenhof. In der Mitte des Disrikts befindet sich ein Tempel, der vollkommen mit Wasser umgeben ist. Die Scylleaner nennen ihn Raktan, was soviel wie “Wassermacht” bedeutet. Dieser Tempel ist die geheime Schule Neburias. Wir sind bereit für den Tagulrog, Bratuul erwartet uns schon am Eingang.....Wir standen nun vor meister Bratuul. Ich trug meinen Kristall um den Hals. Als ich zu sprechen begann, vibrierte er leicht..."Ich bin bereit für den Tagulrog", sagte ich in der Sprache der Scyllianer. Kurz darauf sprach auch Fariya diese Worte und Bratuul nickte freundlich. "Ja, wir werden sofort mit der Ausbildung beginnen", sagte er. Er führte uns ein bisschen in dieser immens großen Tempelanlage herum und zeigte uns unsere Quartiere, denn für die Zeit des Tagulrog, der bis zu einem Monat dauern kann, dürfen wir Mol`Trak nicht verlassen. Fariya war im Zimmer neben mir einquartiert. Neben uns ist noch ein weiterer Zauberkundiger eingezogen. Es ist ein etwas älterer Scyllianer namens Lorak. Er machte sofort einen recht zerstreuten Eindruck auf mich. Bratuul riet uns früh schlafen zu gehen, um unsere Kräfte für den Tagulrog zu sammeln. Vorher führte uns Bratuul noch in ein Ge`lar, einem kleinen Lokal, wo die rituellen Speisen und Getränke Neburias angeboten werden. Ge`lar gibt es viele in Neburia.

Die Einwohner Neburias bereiten sich ihre Nahrung nicht mehr selbst zu, sondern besuchen ständig das Ge`lar. Man muss auch dazu sagen, dass Niemand in Neburia ein Zahlungsmittel benutzt. Die Nahrungsmittel und die restlichen Güter, die ein Scylleaner zum Leben braucht, werden komplett durch die Handelseinnahmen mit dem Gewürz finanziert. Niemand ist hier neidisch auf das Hab und Gut des Anderen, niemand ist reich und niemand ist arm. Ein wirklich bemerkenswertes Volk. Das Ge`lar war sehr geräumig und hatte diese typische feuchtwarme Atmosphäre Neburias. Nach einer üppigen Mahlzeit aus Algen und Sumpfbeeren und einem Becher mit Gewürztee wurde ich müde und wollte zu meinem Zimmer im Tempel zurück. Fariya drängte darauf nach dem Essen noch eine Weile mit den Anwesenden zu reden. Die Straßen des Mol`Trak Distrikts waren angenehm ausgeleuchtet und ich konnte mich erneut am Anblick dieser wundervollen Stadt erfreuen. Das grüne Gewürz drang langsam zu meinem Geist vor und ich glaubte über dem Boden zu schweben. Ich merkte nicht, dass mich eine dunkle Gestalt verfolgte.... Als ich am Raktan-Tempel war, hörte ich hinter mir ein Geräusch. Ich ging durch die Eingangshalle mit den vielen Steinsäulen und verschwand im Flur dahinter. In einer kleinen Nische lauerte ich meinem Verfolger auf. Ich sprang ihm in den Rücken, was ihn sofort zu Fall brachte und Ohnmächtig werden ließ. Erleichtert rappelte ich mich auf und begann meinen schwarzen Verfolger näher zu Untersuchen. Ich drehte dem Bewusstlosen um und entdeckte sofort einen seltsam geformten Dolch. Ein Symbol von einem Sonnenauf,- beziehungsweise Sonnenuntergang war in den Griff eingeprägt. Das Zeichen der "Horde der schwarzen Dämmerung, nicht wahr Forcas Marlok?" sagte eine sanfte und zugleich unmenschliche Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und verzog mein Gesicht zu einer Fratze vor Erstaunen.


Vor mir stand ein mindestens zwei Meter großer Mann mit schneeweißen Schwingen. Er trug eine überwältigende Rüstung aus einem seltsamen Material und einen langen Umhang. "Keine Angst, Mensch", versuchte er mich zu beruhigen. "Ich bin Aretis, ein Wächter Ankaroth´s" fuhr er fort. Seine langen weißen Haare hingen ihm ins Gesicht. "Ich weiß viel über dich, Mensch, du bist hier in großer Gefahr, wir müssen gehen", er schien alle Fragen, die mir gerade durch den Kopf schossen, zu spüren und Antwortete darauf, bevor ich sie stellte. Ich versuchte ruhig zu bleiben und begann zu reden. Was meinst du mit "Wir müssen gehen?", fragte ich. "Du bist in großer Gefahr Zauberer, die schwarze Dämmerung sucht dich bereits heim" sagte Aretis. "Woher kennst du mich und was ist mit meinem Eid beim Tagulrog?" fragte ich aufgeregt. Aretis kam langsam auf mich zu. Seine Rüstung funkelte prachtvoll. Die Augen waren dagegen Matt und komplett schwarz und unheimlich. "Wir haben jetzt keine Zeit, alles andere klären wir in "Vanderia". "Vanderia? Die Wolkenstad?” Vengron erzählte mir davon vor Jahren. Es gibt sie also wirklich, die Wolkenstadt Vanderia? Plötzlich packte mich Aretis und hob mich frei in die Luft empor. "Hilfe. Was tust du?" schrie ich. Aretis ignorierte dies völlig und nach ein paar Sekunden hatten wir schon den Tempel verlassen. Noch ein paar Sekunden später sah ich Neburia unter mir immer kleiner werden und bald schon ward sie ganz verschwunden........ Fariya kam gerade aus dem Ge`lar. Als sie zum Tempel rüber sah konnte sie sehen wie ihr guter Freund Forcas Marlok von einem schneeweißen geflügelten Mann durch die Luft empor getragen wurde. "Die Schwingen von Aretis sind stark Forcas Marlok" sagte sie vor sich hin." Bist du wirklich der, den die Schamanin prophezeite? Bist du ein Segen? Bist du ein Fluch? "Nun beginnt es also, viel Glück Forcas" flüsterte sie vor sich hin, bevor sie langsam zum Tempel schritt.