Kapitel IV - Das Amulett


Forcas Marlok Tagebucheintrag: Tag 28 in Ankaroth
Die letzten Wochen verbrachte ich in Neburia, der Heimat der Scyllianer. Die Scyllianer sind ein friedliches Volk von Wasserlebewesen und ich bin sehr dankbar für ihre Gastfreundschaft. Man versorgt mich gut mit Nahrung und Gütern aller Art. Neburia ist eine grosse Stadt, im Wasser. Die strahlenförmig angeordneten Wohnhöhlen sind durch Ringe miteinander verbunden, die wie Brücken über dem Wasser schweben. So erscheint die Stadt wie ein mächtiges Spinnennetz. Die Scyllianer haben keine Kiemen oder ähnliches, sie fühlen sich aber dem Wasser hingezogen und brauchen es wie der Mensch die Sonne. Sie fühlen sich in ihren feuchten Wohnhöhlen am wohlsten. Abends treffen sich viele Bewohner auf kleinen Wasserinseln innerhalb der Stadt um "grünes Gewürz" einzunehmen. Dieses grüne Pulver gewinnen die Scylienaner aus Algen. Sie behaupten, dass diese Algen die Kraft von ganz Ankaroth`s Gewässern speichern können und auf die überträgt, die sie zu sich nehmen. Zudem besteht fast der ganze Handel den Neburia betreibt ausschliesslich aus diesem Pulver und Rohalgen. Bei meiner ersten Einnahme des Pulvers, das mit Wasser vermischt und getrunken wird, verspürte ich einen enormen Energie- und Leistungsschub. Man sagt dem Gewürz auch lebensverlängernde Eigenschaften nach. Fakt ist, dass es meine Konzentrationsfähigkeit und meine Sinne allgemein enorm schärft. Manchmal besucht mich Fariya, die Tochter des Ältesten. Sie ist ein aufgewecktes und wissbegieriges Geschöpf und ich habe mich schnell mit ihr angefreundet. Sie zeigte mir fast ganz Neburia, auch die unterirdischen Wohnhöhlen, was mir einen furchtbaren Schnupfen einbrachte.
Ich lebe hier in Vengron`s Turm. Meister Vengron hat ein paar Jahre hier gewohnt und sich einen Turm mit Hilfe der Scyllianer geschaffen. Ein gemütliches Plätzchen hoch über den Wasserstraßen und Höhlen ist das hier. Vor 4 Zyklen ist Vengron allerdings weitergezogen. Tyrial sagte, er wollte losziehen um die "schwarze Dämmerung" aufzuhalten....Vengron.... Das letzte mal als ich Meister Vengron sah, war ich knapp 16 Jahre alt und hatte gerade meine arkane Ausbildung begonnen. Er sprach ständig von magischer Vollkommenheit und dem ultimativen Zauber. Die Meister auf der arkanen Schule bezeichneten ihn als Narr und ließen ihn nur die Jungmagier unterrichten. Ich war aber so fasziniert von Vengron, dass ich all seine Geschichten bedingungslos glaubte. Das war keine "Spinnerei" wie es der Erzmagistrat immer betitelte. Nein, das waren Geschichten über weitaus größere Dinge...  Über Ankaroth, über Aretis, Corax und die "schwarze Dämmerung". Wir waren damals noch jung und ich glaube, ich war der Einzige in meiner Zauberstufe, der nicht an Vengrons Worten zweifelte. Er glaubte einen Weg finden zu können, diese Welt durch ein Dimensionstor zu verlassen. Wie es aussieht hatte er recht. Denn ich bin nun auch hier. Mein Experiment auf Burg Rauchfels war ein voller Erfolg. Die Anleitung und die Formeln dazu fand ich im Nachlass von Meister Vengron, der vor Jahren einfach verschwand. Nun bin ich sechsundzwanzig. 10 Jahre sind vergangen seit diesem mysteriösen Verschwinden. Ich habe die Fächer Alchemie und Mystizismus belegt und meisterliche Fähigkeiten darin entwickelt. So gelang es mir, Vengrons Tor ein zweites mal zu öffnen und nun bin ich hier.... Ankaroth.... Im Land des Lichts. Hier im Turm, der mir als Behausung diente, fand ich vielerlei von Vengron´s Aufzeichnungen und magischen Utensilien. Das erstaunlichste war ein kleiner rot-pulsierender Kristall, der in einen Brief von meinem Meister gewickelt war....


Vengrons Brief:
Forcas, mein treuer Schüler, ich habe deine Ankunft erwartet, doch ich musste fort von hier. Ich habe dich lange beobachtet und ich brauche deine Hilfe. ...Später... Du brauchst noch viel Erfahrung, um den Gefahren in Ankaroth zu trotzen. Die Scyllieaner sind liebevolle, freundliche Wesen, doch sie sind furchtlose Kämpfer und Zauberer wenn es um die Verteidigung ihrer Sümpfe und Seenreiche geht. Du solltest dich ihnen gegenüber eines Menschen würdig benehmen und sie verstehen lernen. Dieser Kristall wird dir diesbezüglich erstaunliche Dienste leisten. Sprich mit Bratuul dem Schamanen von Neburia und sag ihm, dass du für den "Tagulrog" bereit bist, er wird dir unglaubliche Dinge lehren können, die du zum Überleben in Ankaroth dringend benötigst. Krieg zieht herauf. Ich muss gehen. Sei auf der Hut mein Schüler, wir hören voneinander.

T`aar Vengron

Der Kristall war tatsächlich das wundersamste, was ich bisher gesehen hatte. Er war an ein Lederband gebunden. Ich schaute ihn mir eine Weile an. Er ist aus reinem Kristall, doch eine rote Flüssigkeit scheint in ihm zu wohnen. Ein rotes pulsierendes Licht durchflutet ihn. Ich hängte mir den Stein um den Hals und wollte gerade aufstehen, als es mich leicht schüttelte vor Kälte. Anzeichen von starker Magie, stellte ich fest. Der Kristall schien nun schneller zu pulsieren. Ich stand auf und ging Richtung Turmausgang. Tyrial stand mit zwei seiner Wachen in der Eingangshalle. Plötzlich bemerkte ich, dass etwas nicht stimmte. Ich schaute in Richtung der 3 Scyllieaner und glaubte zu Träumen. Ich konnte sie verstehen. Wort für Wort. Sie sprachen in ihrer eigenen Sprache und ich konnte sie verstehen. Der Kristall, ich merkte wie er leicht vibrierte, wenn jemand der Anwesenden sprach. Das ist wirklich eine starke Magie, dachte ich mir und machte mir sorgen wegen der hohen arkanen Macht, die mir Meister Vengron mit diesem wertvollem Gegenstand überließ. Ich war Neugierig und sprach Tyrial sogleich an. Er sah mich erschrocken an, als ich ihm in seiner Muttersprache einen guten Morgen wünschte. Ja, das Amulett verleiht mir die Kraft mit ihnen zu sprechen. Ich bemerkte später, dass ich dabei nicht mal sprechen muss, da dies Amulett scheinbar telepathische Fähigkeiten hervorruft und enorm verstärkt, solange man es trägt. Es ist ein Wunder. Und selbst wenn man spricht verleiht das Amulett dem Träger akzentfrei die Sprache des Gegenüber zu sprechen  und man verspürt lediglich ein leichtes Vibrieren auf der Brust und anfangs ein Kribbeln an den Stimmbändern und dem Hals.


Tag 35- Neburia weitläufig erkundet. Mittlerweile kenne ich mich hier gut aus, ich habe mit vielen Scyllienanern gesprochen und viel über das Leben in Neburia gelernt. Fariya ist meine ständige Begleiterin geworden, da sie wie ich, einige Zauberfähigkeiten besitzt. Doch Fariya`s Zauber und der Zauber einiger anderer Scyllieaner ist anders als das, was meiner arkanen Lehre der Dinge entspricht.Deshalb habe ich mich entschlossen morgen den Rat meines wiedergefundenen Meisters zu befolgen und mich für den TAGULROG bereit zu erklären. Ich habe bereits mit Fariya darüber gesprochen und sie sagte mir, dass der Tagulrog nichts anderes ist als eine Art magischer Ausbildung. Fariya will sich ebenfalls morgen bereit erklären, diese Ausbildung anzutreten. Die Götter wissen, wo Meister Vengron ist, aber ich glaube, dass ich von ihm hören werde. Warum er mit T´aar Vengron seinen Brief unterzeichnete,konnte ich auch in Erfahrung bringen. Trial berichtete mir, dass er ein Erzmeister der Magie in Angaroth ist, der ais Táar bezeichnet wird. Vengron hat offenbar viel in Ankaroth erfahren,um so überaus mächtig zu werden. Die Tage in Neburia sind heiß und feucht, die Nacht wirkt angenehm lau und zwei Monde stehen am Nachthimmel. Manchmal kann man im Sumpf abends Naorien sehen. Das sind kleine, intelligente Kletterwesen. Sie leben in den Wipfeln alter Bäume, in welche sie sich Wohngespinste bauen. Ihre flinken Kletterkünste und die Fähigkeit Fäden zu spinnen, sich daran herunter zu lassen und von Ast zu Ast zu schwingen, schützen sie vor Feinden. Ich sah die Naorien auch ein geheimnisvolles Licht ausstrahlen, wozu leise ein geisterhafter, bittersüßer Gesang ertönt. In den Nebelschleiern des Sumpfes ist dies eine unheimliche Stimmung, welche Eindringlinge verwirrt und es besteht Gefahr, die Orientierung zu verlieren und tiefer in den Sumpf zu geraten. Es ist eine fremde, geheimnisvolle Welt, in der ich langsam heimisch werde.